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Zen-Buddhismus
oder Zen (jap.: 禅
– Zen) ist eine in China ab dem 5.
Jahrhundert nach Christus entstandene Linie des
Mahayana-Buddhismus, die wesentlich vom Daoismus beeinflusst
wurde. Der chinesische Name 禅
(Chan) stammt von dem Sanskritwort
Dhyana, das in das Chinesische als 禅那
(Chan'na) übertragen wurde.
Dhyana bedeutet frei übersetzt soviel wie „Versenkung“. Der Chan
Buddhismus wurde dann in Ostasien und Südostasien durch Mönche
verbreitet. Es entstand daraufhin eine koreanische (Seon, korean.
선) und
vietnamesische (Thiền) Tradition.
Ab dem 12.
Jahrhundert gelangte Zen auch nach Japan und erhielt dort eine
neue Ausprägung, die dann in der Neuzeit auch in den Westen
gelangte. Die verwendeten Begriffe zum Zen stammen daher
meistens aus dem Japanischen. Aber auch koreanische,
vietnamesische und chinesische Schulen haben in jüngerer Zeit
den Weg in den Westen gefunden.
Definition
Zen lässt sich
durch diskursive Begriffserläuterungen nicht zufriedenstellend
fassen, da es sich ausschließlich durch individuelle Einsicht
erschließt. Der Versuch einer enzyklopädischen Definition stößt
damit an eine prinzipielle Grenze.
- Eine Frau
fragte: „Was ist Zen?“ Ein alter chinesischer Meister
antwortete: „Das Herz des Fragenden ist Zen.“ (Zen-Koan)
Allgemein lässt
sich sagen, dass Zen eine Einsicht jenseits der Vernunft
bezeichnet, die mit der jeweils persönlichen Lebensweise und
-haltung eines Menschen eng verbunden ist. Die Wurzeln des Zen
liegen zwar im Buddhismus, doch ist es nach Meinung vieler
Zen-Meister nicht an eine bestimmte Religion oder Weltanschauung
gebunden. Der Kern des Zen übersteigt – wie es mystischen
Bewegungen eigen ist – alle religiösen und philosophischen
Systeme.
Jeder Mensch
kennt „Zen-Momente“. Es sind Augenblicke wie etwa die völlige
Versenkung in eine spannende Tätigkeit, das Aufgehen in einer
Menschenmasse (z.B. in einer Festgemeinschaft) oder das
gänzliche Aufgesogensein durch eine Wahrnehmung (z.B. während
des Hörens von Musik). Die westliche Psychologie spricht vom
Flow-Erlebnis, doch fehlt in diesem Konzept noch das Moment der
aufmerksamen (Selbst-) Beobachtung.
Zen kann man als
„Ewigkeit des Augenblicks“ verstehen: In der Konzentration des
Meditierenden verlieren die Konstruktionen von Vergangenheit und
Zukunft ihren Einfluss auf den Geist. In dieser Zeitlosigkeit
gibt es kein „Ich“ mehr. Zen ist Nicht-(ich)-Sein. Die
Aufmerksamkeit wird gänzlich auf den Augenblick fokussiert, in
dem das Bewusstsein „aufgeht“.
Lehre
Oft wird gesagt,
dass Zen „nichts“ biete: keine Lehre, kein Geheimnis, keine
Antworten. In einem Koan spricht der Zen-Meister Ikkyû Sôjun zu
einem Verzweifelten:
- „Ich würde
gerne irgendetwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen
haben wir überhaupt nichts.“
Zen bietet
tatsächlich in dem Sinne „überhaupt nichts“, als dass es einfach
nur das Gewöhnlichste, Alltäglichste und Normalste der Welt ist.
Es bedeutet, das Leben zu leben – in seiner ganzen Fülle. Der
unmittelbare Zugang zu diesem Einfachsten von allem ist dem
Verstandeswesen Mensch jedoch versperrt – es scheint so, als ob
die niemals schweigende Stimme der Gedanken ihn durch
hartnäckige Ideen und urteilende Vorstellungen blockiere. Die
permanente Beschäftigung mit sich selbst, die schützende
Ich-Bezogenheit jedes einzelnen verursacht immer wieder nur
neues Leiden (Dukkha). Zen kann diese Verwirrung lösen – zuletzt
vermag man sogar zu essen, wenn man hungrig ist, zu schlafen,
wenn man müde ist. Zen ist nichts Besonderes. Es hat kein Ziel.
Die
Charakterisierung, Zen biete „nichts“, wird gerne von
Zen-Meister gegenüber ihren Schülern geäußert, um ihnen die
Illusion zu nehmen, Zen biete erwerbbares Wissen oder könne
etwas „Nützliches“ sein. Auf einer anderen Ebene wird hingegen
auch das Gegenteil behauptet: Zen biete das „ganze Universum“,
da es die Aufhebung der Trennung von Innenwelt und Außenwelt,
also „alles“, beinhalte.
Auch wenn
Intellektuelle und Wissenschaftler sich oftmals von Zen
angezogen fühlen, entzieht es sich der "Vernunft". Zen wird oft
als „irrational“ empfunden, auch weil es sich grundsätzlich
jeder begrifflichen Bestimmung widersetzt. Das scheinbar
Mysteriöse des Zen rührt jedoch allein aus den Paradoxa, die der
Versuch des Sprechens über Zen hervorbringt.
Natürlich besitzt
Zen aber auch philosophisch-religiöse Aspekte und historisch
gewachsene Lehren, wie etwa in der Sōtō- bzw. Rinzai-Richtung.
Diese kann man – wenn sie auch zur subjektiven Erfahrung des Zen
nicht unbedingt notwendig sind – selbstverständlich mit Worten
beschreiben.
Praxis
Primat der
Praxis
Zen ist der
weglose Weg, das torlose Tor. Die dem Zen zugrundeliegende große
Weisheit (Prajna) braucht nicht gesucht zu werden, sie ist immer
schon da. Vermöchten die Suchenden einfach nur ihre permanenten
Anstrengungen aufzugeben, die Illusion der Existenz eines „Ich“
aufrechtzuerhalten, würde sich Prajna unmittelbar einstellen.
Realistisch
gesehen ist das Beschreiten des Zen-Wegs jedoch eines der
schwierigeren Dinge, die in einem menschlichen Leben unternommen
werden können. Den Schülern wird die Bereitschaft zur Aufgabe
ihres selbstbezogenen Denkens und letztlich des Selbst
abverlangt. So dauert der Übungsweg gewöhnlich mehrere Jahre,
bevor die ersten Schwierigkeiten überwunden sind. Der Weg ist
allerdings stets zugleich auch das Ziel, im Üben ist die
Erfüllung stets gegenwärtig.
Primäre Aufgabe
des Zen-Schülers ist die fortgesetzte, vollständige und bewusste
Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments, eine vollständige
Achtsamkeit ohne eigene urteilende Beteiligung (Samadhi). Diesen
Zustand soll der Zen-Schüler nicht nur während des Zazen,
sondern möglichst in jedem Augenblick seines Lebens beibehalten.
- „Zen ist nicht
etwas Aufregendes, sondern Konzentration auf deine
alltäglichen Verrichtungen“ (Shunryu Suzuki)
Auf diese Weise
kann sich die Erkenntnis der absoluten Realität einstellen (Satori).
Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird aufgehoben; die
Kontingenz der eigenen Existenz, das In-die-Welt-geworfen-Sein
kann angenommen werden. Vollkommene innere Befreiung ist die
Folge: es gibt nichts zu erreichen, nichts zu tun und nichts zu
besitzen.
Methoden
Mit der Zeit
haben Zen-Meister verschiedene Techniken entwickelt, die den
Zen-Schülern Hilfen bieten und Fehlentwicklungen vorbeugen
sollen. Die Schulung der Aufmerksamkeit und der absichtslosen
Selbstbeobachtung stehen dabei an erster Stelle; daneben wird
das (ver)störende diskursive Denken an einen Endpunkt gebracht.
Im eigentlichen Sinne gelehrt werden kann Zen nicht. Es können
nur die Voraussetzungen für spontane, intuitive Einsichten
verbessert werden.
Zu den
gebräuchlichen Methoden der Zen-Praxis gehören Zazen
(Sitzmeditation), Kinhin (Gehmeditation), Rezitation (Textlesungen),
Samu (konzentriertes Tätigsein) und das Arbeiten mit Koans.
Besonders intensiv werden diese Methoden während mehrtägiger
Übungsperioden oder Klausuren (Sesshin bzw. Retreat) geübt. Der
Zen-Schüler muss zumindest das Zazen in sein alltägliches Leben
integrieren, denn Zen ist seinem Wesen nach immer nur Praxis.
Ziele
Indem während des
Übens die Flut der Gedanken zur Ruhe kommt, wird das Erleben von
Stille und Leere, Shunyata, möglich.
Vor allem im
Rinzai-Zen wird die mystische Erfahrung der Erleuchtung (Satori,
Kenshō), ein oft plötzlich eintretendes Erleben universeller
Einheit, d.h. die Aufhebung des Subjekt-Objekt-Gegensatzes, zum
zentralen Thema. In diesem Zusammenhang ist oft von „Erwachen“
und „Erleuchtung“ (pali/sanskrit: Bodhi), vom „Buddha-Werden“,
oder der Verwirklichung der eigenen „Buddhanatur“ die Rede.
Diese Erfahrung der Nicht-Dualität ist der sprachlichen
Kommunikation kaum zugänglich und kann auch einer Person ohne
vergleichbare Erfahrung nicht vermittelt werden. So ist es im
Zen mehr als unüblich, darüber mit einer anderen Person als dem
Zen-Lehrer zu sprechen.
Im Sōtō-Zen tritt
die Erleuchtungserfahrung völlig in den Hintergrund. Zum
zentralen Begriff von Zen-Praxis wird Shikantaza, „einfach nur
sitzen“, d.h. die absichtslose, nicht auswählende Aufmerksamkeit
des Geistes in Zazen, ohne einem Gedanken zu folgen oder ihn zu
verdrängen. Zazen wird im Sōtō also nicht als Mittel zum Zweck
der Erleuchtungssuche verstanden, sondern ist selbst Ziel und
Endpunkt. Das große Koan des Sōtō-Zen ist die Zazen-Haltung
selber. Zur Verwirklichung dieses absichtslosen Sitzens zentral
ist Hishiryo, das Nicht-Denken, d.h. das Hinausgehen über das
gewöhnliche, kategorisierende Denken. Dōgen schreibt im
Shobogenzo Genjokoan dazu folgende Passage:
- „Den Weg zu
studieren heißt sich selbst zu studieren, sich selbst zu
studieren heißt sich selbst vergessen. Sich selbst zu
vergessen bedeutet eins zu werden mit allen Existenzen.“
Ethik des Zen
Zen besitzt eine
eigene Ethik. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass man
anderen nur helfen kann, wenn man sich selbst befreit hat
(analog zu den Konsequenzen aus dem christlichen „Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst!“). Die Zuwendung zu anderen Lebewesen
in sorgender Liebe (Agape) und Solidarität ist dabei allerdings
niemandem – keinem Gott, keinem Buddha, keiner Offenbarung oder
Lehre – geschuldet, sondern erwächst aus der inneren Einsicht im
Laufe der Zen-Praxis von selbst.
Wenn der
Zen-Praktizierende zur Auffassung kommt, dass alles im Kosmos
miteinander in Verbindung steht, so bedeutet dies für ihn, dass
keine real existierende absolute Grenze zwischen dem einzelnen
Übenden und allen anderen Menschen besteht. Hieraus folgt die
Überzeugung, dass jede schädigende, aber auch jede helfende
Handlung letztlich auf den Verursachenden zurückfällt. Die Ethik
des Zen-Buddhismus kann insofern als „pragmatischer Altruismus“
charakterisiert werden.
Da im Zen
Dualismen wie gut/böse oder falsch/richtig abgelehnt werden,
kann es auch keine allgemein verbindlichen Vorschriften oder
Gebote geben, auch wenn sich die Mönche in der Regel freiwillig
zu solchen verpflichten (Kai). Die einzige gültige Maxime ist
die allgemeine Förderung des Lebens, oder umgekehrt: die
Vermeidung des Tötens. Eine große Rolle spielen dabei Mitgefühl
und Mitleid mit den Mitwesen. Die Zen-Praxis hat das Wohl aller
fühlenden Wesen im Blick, in einem Gelübde heißt es:
- „Wie zahlreich
auch immer die fühlenden Wesen sein mögen, ich gelobe, sie
alle zu retten.“
Im übrigen pflegt
Zen eine Situationsethik, die immer nur im real eintretenden,
konkreten Fall geistesgegenwärtig entscheidet. Sie bürdet dem
Handelnden damit eine große Verantwortung auf. Auch sonst liegt
der Schwerpunkt des Handelns in der Interaktion mit anderen
Individuen – aber auch ein gesellschaftspolitisches Engagement
wird keineswegs abgelehnt. Umfassendes Engagement erscheint
allerdings nur auf der Basis der Verwirklichung von Nicht-Selbst
gerechtfertigt, also jenseits vom Prinzip Erfolg/Nicht-Erfolg
bzw. der Acht Weltgesetze (A. VIII, 6). Im Westen kennt man eher
engagierte Zen-Lehrer wie Thich Nhat Hanh, Tetsugen Bernard
Glassman Roshi, Claude Anshin Thomas.
Geschichte
Das Zen, wie wir
es heute kennen, ist von vielen Kulturen über anderthalb
Jahrtausende beeinflusst und bereichert worden. Seine Anfänge
sind im China des 6. Jahrhunderts zu suchen, obwohl seine
Wurzeln wahrscheinlich weiter zurückreichen und Einflüsse
anderer buddhistischer Schulen ebenfalls vorhanden sind. Nachdem
Bodhidharma der Legende nach im 6. Jahrhundert unserer
Zeitrechnung die Lehre des Meditationsbuddhismus nach China
brachte, wo er zum Chan-Buddhismus wurde, sind Elemente des
Daoismus und Konfuzianismus/Neokonfuzianismus mit eingeflossen.
Viele für Zen typische Elemente der Lehre sind in China
entstanden. Eine Vielzahl von Schriften mit Gedichten,
Anweisungen, Gesprächen und Koans stammt aus dieser Zeit. Aus
diesem Grunde findet man viele Begriffe und Personennamen heute
sowohl in chinesischer, als auch in japanischer Aussprache. Die
Überbringung der Lehre durch Eisai und Dogen nach Japan im 12.
und 13. Jahrhundert hat wiederum Wandlung des Zen beigetragen,
durch generelle japanische Einflüsse, aber auch mikkyō und
lokale Religionen. Im 19. und besonders im 20. Jahrhundert
machten die Zen-Schulen in Japan rasante Veränderungen durch.
Dabei wurde von Laien eine neue Form des Zen begründet. Diese
erreichte Europa und Amerika und wurde ebenfalls inkulturiert
und erweitert. Im 20. Jahrhundert wenden sich selbst einige
christliche Mönche und Laien der Meditation und dem Zen zu,
wodurch, z.T. getragen durch autorisierte Zen-Lehrer, die dem
Christentum verbunden blieben, das sogenannte "Christliche Zen"
entsteht.
Ursprung
Der Legende nach
soll der historische Buddha Shakyamuni seiner Schülerschar einst
eine Blume gezeigt haben, die er zwischen seinen Fingern drehte.
Nur sein Schüler Mahakashyapa verstand diese Geste unmittelbar
als zentralen Punkt der Lehre Buddhas und lächelte.
Da diese Einsicht
des Kashyapa – die im übrigen tatsächlich alles enthält, was Zen
ist – nicht schriftlich zu fixieren ist, erfolgt die
Übermittlung seitdem persönlich von Lehrer zu Schüler. Man
spricht dabei von sogenannten Dharma-Linien (d.h. in etwa:
Lehr-Richtungen). Diese besondere Form der Weitergabe wird um
das Jahr 1000 folgendermaßen charakterisiert:
- Eine
Übermittlung außerhalb jeglicher Doktrin,
die sich weder auf Worte noch auf Schriften stützt.
Ein direktes Hinweisen auf des Menschen Herz:
Wer sein eigenes Wesen schaut, ist ein Erwachter (Buddha).
Diese
unmittelbare Überlieferung setzte sich der Legende nach fort
über 27 indische Meister bis zu Bodhidharma, der die Lehre nach
China gebracht haben soll und so zum ersten Patriarchen des Chan
wurde (für die weitere Geschichte des chinesischen
Meditationsbuddhismus siehe dort).
- Bodhidharma (
chin. Damo 達摩,
jap. Daruma だるま)
* um 440 – † um 528
- Huike (慧可,
jap. Daiso Eka) *487 – †593
- Sengcan (僧燦,
jap. Konchi Sosan) * ? – †606
- Daoxin (道信,
jap. Dai'i Doshin) *580 – †651
- Hongren (弘忍,
jap. Daiman Konin) *601 – †674
- Huineng (慧能,
jap. Daikan Eno) *638 – †713
Nach dem 6.
Patriarchen teilt sich die Linie in verschiedene Schulen auf.
Für das China der Zeit um 950 spricht man von den 5 Häusern:
- Guiyang (chin.
潙仰)
(jap.) Igyō)
- Linji (臨済)
(jap. Rinzai) von Eisai Zenji nach Japan gebracht
- Caodong (曹洞)
(jap. Sōtō) von Dōgen Zenji nach Japan gebracht
- Yunmen (雲門)
(jap. Ummon)
- Fayan (法眼)
(jap. Hōgen)
In der Folge
entstanden bis in die Gegenwart weitere Schulen, darunter die
drei noch heute existierenden Zen Schulen Japans:
- Rinzai-shū
- Sōtō-shū
- Obaku-shū
(benannt nach dem chinesischen Meister Huangbo
黄檗)
und die moderne
Japan
Trotz der großen
Bedeutung des Zen (Chan) in China und der Regierungsnähe vieler
dortiger Klöster, wurde in der Nara-Zeit (710 - 794) keine
Zen-Traditionslinie als Schule nach Japan gebracht. Dennoch gab
es Einflüsse. Dosho (629-700) baute laut Überlieferung eine
Halle für Zen-Meditation, nachdem er 653 nach China gepilgert
war. Weil ihn die Kaiserin eingeladen hatte, kam um 810 der
chinesische Rinzai-Meister Yikong (jap. Giku) nach Japan. Für
ihn wurde ein Kloster gebaut, welches aber kaum Zulauf hatte.
Schließlich ging Kakua im Jahr 1171 nach China, um dort Rinzai
zu studieren, doch blieb auch diese Unternehmung historisch
folgenlos.
Bereits in der
Nara-Zeit taucht auch der Begriff Zenji (Zenmeister) in den
ersten Schriften auf: Er beschreibt meist von der kaiserlichen
Regierung nicht autorisierte, nicht offiziell ordinierte
Praktizierende von buddhistischen Ritualen (meist in der
bergigen Wildnis asketischer Praktiken, Meditation, Rezitationen
usw.). Man glaubte, durch diese Rituale erlangten die
Praktizierenden große, aber ambivalente Kräfte.
In der
Kamakura-Zeit reiste Myôan Eisai (wahrscheinlich damals Yōsai
gesprochen) (1141-1215), ein Mönch der Tendai-Schule, 1168 und
1187 nach China. Nachdem er mehrere Jahre dort Zen studiert
hatte, wurden ihm die Ehren eines Zen-Meisters der Oryo-Line des
Linji (Rinzai) zuteil. Nachdem er nach Japan zurückgekehrt war,
gründete er das erste Rinzai-Kloster in seinem Heimatland. Die
spezielle Oryo-Linie des Rinzai-Zen erlosch in Japan allerdings
bereits nach einigen Generationen wieder. Eisai betrachtete sich
anscheinend selbst nie als Begründer einer neuen buddhistischen
Schule in Japan, er betrachtete sich weiterhin dem Tendai
zugehörig.
Dōgen Kigen
(1200-1253) war ebenfalls Tendai-Mönch. Bereits mit 13 Jahren
trat er als Novize in den Orden auf dem Berg Hiei ein und
studierte später ab 1217 (zwei Jahre nach Eisais Tod) unter
Eisais Dharma-Nachfolger Myōzen. Gemeinsam mit diesem reiste
Dōgen nach China und lernte unter Rujing (jap. Tendo
Nyojo)(1163-1228). Es wurde später geschrieben, er habe dort
sowohl eine ungewöhnlich tiefe Einsicht als auch Erleuchtung
erlangt. Über seine Aktivitäten nach der Rückkehr nach Japan
1227 ist wenig bekannt, er übernahm jedoch einige Jahre später
einen von der Hauptstadt abgelegenen Tempel (den er später
Kōshō-ji nannte und richtete dort eine Meditationshalle nach
neustem song-zeitlichen chinesischem Vorbild ein, die ihm mehr
und mehr Besucher und Schüler brachte. In seinen Schriften ab
dieser Zeit zeigen sich die Besonderheiten seiner Praxis und
Lehre: Shikantaza („nur sitzen“), Hishiryo („das dem Denken
Unermessliche“), Shoshin Tanza („regelmäßige Übung“) und Shinjin
datsuraku („Körper und Geist abstreifen“). Er setzte auch die
Praxis des zazen mit der Buddhaschaft gleich. Dōgen bezeichnet
in seinen Schriften nur Myōzen (der in China starb) und Rujing
als seine "senshi" (früheren Lehrer). Im Jahre 1244 verließ
Dōgen den Kōshō-ji und zog auf Einladung einer lokalen
Kriegeradels-Familie ins abgechiedene Echizen. Das Kloster, das
er dort übernahm und ausbaute, nannte er Eihei-ji. Ausser der
Halle für zazen übernahm Dōgen auch andere Bestandteile des
Klosteraufbaus und der Mönchsorganisation aus Song-China. Er
ordnete nach chinesischem Vorbild Riten für übernatürliche
Wesenheiten des Klosters an.
Dass die Gründung
neuer buddhistischer Schulen und Gruppen schnell von etablierten
Kreisen aus als Häretik betrachtet werden konnte, zeigt das
Schicksal der Daruma-shū, die Nōnin (nicht datiert) begründete.
Ihr Kloster wurde von sōhei (Mönchskriegern) vernichtet. Einige
der versprengten Daruma-Mönche schlossen sich später Dōgen an
und standen so in zwei Dharma-Traditionslinien. Unter einigen
dieser direkten Schüler Dōgens lernte auch Keizan Jōkin, der als
zweiter Patriarch des japanischen Sōtō gilt und den später
wichtigsten Kopftempel Sōji-ji gründete.
Sōtō verbreitete
sich in den folgenden Jahrhunderten sehr stark, oft indem sie
unbesetzte Tempel und Schreine besetzten, lokale kami, Geister
und andere Wesenheiten exorzierten oder zum Dharma bekehrten.
Von wenigen elitären Mönchen und Klöstern abgesehen,
unterschieden sich die Praktiken bald kaum noch von denen
anderer buddhistischer Schulen. Verschiedenste übernatürliche
Wesenheiten wurden in den Klöstern von der Bevölkerung verehrt,
die Mönche führten verschiedene Rituale (zazen, Reizitationen,
mikkyō-Praktiken u.ä.) durch, um genze riyaku, diesweltliche
Wohltaten, auf die Laien und das Mönchswesen zu übertragen. Auch
Bestattungen waren Hauptaufgabe der Klöster. Die
Laienunterstützer des Sōtō waren größtenteils der lokale
Kriegeradel in entlegeneren Gebieten, aber auch die dortige
Bevölkerung. Entsprechend sind die Klöster von lokalen
Einflüssen durchdrungen.
Die Stellung der
Dharma-Traditionslinie war vermutlich der wichtigste Faktor der
Identität der Sōtō-Schule. Wichtige, aus heutiger Sicht zentrale
Texte (u.a. Kōan und Dōgens Werk), wurden wie andere
Statusobjekte (Roben, shari-Relikte verstorbener Meister, viele
Statuen) zunehmend geheimgehalten und nur in direkter Linie
weitergegeben. In eigenen Veröffentlichungen der Schule steht,
dass heutzutage nur in etwa 30 von rund 15000 Klöstern
Trainingszentren für zazen existieren. Zazen wurde während der
gesamten Geschichte Japans auch als mächtiges Ritual zur
Ansammlung spiritueller Kräfte gesehen: Die drei Bitt-Tempel, an
denen Japaner um diesweltliche Wohltaten bitten, gehören zu den
wenigen Ausbildungszentren für zazen.
Die Rinzai-Schule
breitete sich lange nicht so weit aus wie Sōtō. Sie gedieh im
Umfeld der Mächtigen in Kyōtō und Kamakura und stand so der
Politik des japanischen mittelalters, besonders dem Kriegeradel
der bushi nahe (das System der go-zan, fünf Berge). Diesen bot
Rinzai nicht nur Abstand zu den ebenfalls mächtigen etablierten
Schulen (Tendai, Shingon und die Nara-Schulen unter Protektion
der Fujiwara), sondern auch eine Verbindung ins Reich der Mitte.
Rinzai-Studium bedeutete, dass man passive und aktive
Meisterschaft im Chinesischen erlangen musste. Außerdem konnten
die Regierung und die Adeligen Japans über Rinzai an der
damaligen neuesten Kultur vom chinesischen Festland teilhaben,
wodurch die japanische Kultur stark beeinflußt wurde. Neben dem
Herbeiführen von Wohltaten und Bestattungen für ihre
Laienförderer entstand durch die kulturelle Förderung die
Assoziation des Rinzai mit einer Reihe verschiedener
Disziplinen, die als Wege (Dō) des Zen bekannt wurden:
- Sadō – der Weg
der Teezeremonie (Teeweg)
- Shodo – der
Weg der Schreibkunst
- Kado – der Weg
des Blumenarrangements (auch: Ikebana)
- Suizen – das
kunstvolle Spiel der Shakuhachi-Bambusflöte
- Zengarten –
die Kunst der Gartengestaltung
- Budo – der Weg
des Kriegers, vgl. zu diesen Ansätzen auch das Budo
Als nach der
Meiji-Restauration der Buddhismus in Japan kurz verfolgt und von
der neuen Politik zugunsten eines renativistischen Shintō als
Religion der Machthabenden aufgegeben wurde, waren auch die
Zen-Schulen betroffen. In den Zeiten des immer rasanteren
gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Wandels kam
dershin-bukkyō, der neue Buddhismus, auf, der z.B. sozial tätig
wurde. Die Abgeschlossenheit der Klöster lockerte sich
ebenfalls, so wurden Laiengruppen in zazen und der Lehre des Zen
unterrichtet. Eine Reihe früher Intelektueller der Meiji-Zeit,
die nach der Essenz Japans strebten, um das Land dem moderneren
Westen gleichrangig oder überlegen zu sehen, schrieb bis heute
einflußreiche, aber auch sehr problematische Schriften. So wurde
der Buddhismus der Tokugawa-Zeit (1600-1868) meist als dekadent
und von der wahren Lehre abgekommen verunglimpft. Um gegen den
neuen Shintō als geförderten Nationalglauben zu bestehen, wurde
der Buddhismus unter Berücksichtigung der westlichen
Buddhismusforschung (zu dieser Zeit hauptsächlich mit einer
Rekonstruktion eines "wahren" "Urbuddhismus" beschäftigt, ohne
ethnographische Beobachtungen einzubeziehen) neu definiert. Zen
dürfte dabei am erfolgreichsten gelten und fand in dieser
Gestalt Eingang in die westliche Kultur und Literatur. In Japan
selbst haben sich solche Ansichten des Zen nicht so stark
durchgesetzt (die meisten jüngeren Japaner wissen nicht, zu
welcher buddhistischen Schule sie gehören), wenngleich die
orthodoxen Meinungen der Schulen sich in die gleiche Richtung
gewandelt haben.
Zen wurde in der
Vorkriegszeit mit anderen Begriffen assoziiert, die man heute
als ziemlich unwissenschaftliches nihonjinron, Japan-Theorie,
einstufen sollte. Hierzu gehört z.B. bushidō, welches als
Begriff ebenfalls um die Meiji-Restauration herum auftaucht.
Dadurch entstanden jedoch auch Verbindungen zum japanischen
Nationalismus und zur ideologischen Propaganda, die nach dem
Zweiten Weltkrieg auch aus Reihen des Zen selbst kritisiert
wurden.
Moderne
In der Neuzeit
ist die Verbreitung des Zen in Japan zurückgegangen, jedoch
wächst die Zahl der Anhänger in den westlichen Ländern.
Begünstigt durch fehlenden Dogmatismus gibt es auch Verbindungen
zur Katholischen Kirche. Wichtige Vermittler als Priester und
gleichzeitig Zen-Meister sind:
- Pater Hugo
Makibi Enomiya-Lassalle SJ (1898-1990) und
- Pater Willigis
Jäger OSB (Ko-un Roshi).
Ein wichtiger
zeitgenössischer Dharma-Lehrer ist der Vietnamese Thich Nhat
Hanh, der Zen (Mahayana) mit Elementen des Theravada-Buddhismus
(Vipassana) verknüpft.
Ein weiterer
Vertreter der Sōtō-Schule ist der US-Amerikaner und
Vietnamveteran Claude AnShin Thomas. Er hat ein Gelübde als
Bettel- und Wandermönch abgelegt und lehrt überall dort, wohin
er in der Welt eingeladen wird. Er ist der Gründer der Zaltho
Foundation in den USA, einer gemeinnützigen Organisation, die
sich insbesondere der Versöhnungsarbeit mit Opfern von Krieg und
Gewalt widmet. Schwesterorganisation ist die Zaltho Sangha
Deutschland. Claude AnShin Thomas studierte mehrere Jahre bei
Thich Nhat Hanh und wurde im Jahre 1995 von Bernhard Tetsugen
Glassmann Roshi zum buddhistischen Mönch und Priester in der
japanischen Sōtō-Zen-Tradition ordiniert.
Der japanische
Zen-Meister Taisen Deshimaru Roshi, Schüler des
Sōtō-Zen-Meisters Kodo Sawaki Roshi, kam in den sechziger Jahren
nach Frankreich, wo er bis zu seinem Tod (1982) Zen lehrte. Er
hinterließ eine große Schülerschaft die bis heute wächst und mit
verschieden Zen-Organisationen in ganz Europa vertreten ist.
Deshimaru gründete 1970 die Gesellschaft Association Zen
Internationale (AZI).
Die Sōtō-Zen
Schule wird in Deutschland aktuell vertreten durch Fumon Shoju
Nakagawa Roshi und Rev. L. Tenryu Tenbreul, einem ehemaligen
Schüler von Taisen Deshimaru. Der Sōtō-Zen Dachverband, das
Sōtō-Zen Buddhism Europe Office, wird von Rev. Genshu Imamura
geleitet und sitzt in Mailand.
Der japanische
Zen-Meister Kyozan Joshu Sasaki, der seit 1962 Zen in den USA
lehrt, war seit 1979 regelmäßig nach Österreich gekommen, um
dort Vorträge zu halten und Sesshins durchzuführen. Sein Wirken
und das seiner Schüler, allen voran die Aufbauarbeit von Genro
Seiun Osho in Wien und Süddeutschland, trugen wesentlich zur
Etablierung der Rinzai-Zen Schule im deutschen Sprachraum bei.
Ein weiteres Standbein des Rinzai-Zen ist das durch den
japanischen Zen-Meister Hozumi Gensho Roshi betreute und vom
deutschen Zen-Mönch Dorin Genpo Osho geleitete Zen-Zentrum
Bodaisan Shoboji in Dinkelscherben, dem einige Zen-Gruppen in
Deutschland zugeordnet sind.
Der koreanische
Zen-Meister Seung Sahn gründete 1970 in den USA die Kwan Um Zen
Schule, die seitdem in den USA und Europa zahlreiche Zentren
aufgebaut hat, mit dem europäischen Haupttempel in Paris, dem
deutschen in Berlin.
Im Westen gibt es
weitere Anhänger und Praxis-Gruppen der chinesischen (Chán;
traditionell: 禪),
koreanischen (Seon) und vietnamesischen (Thiền) Tradition. |